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Altkalifornisches Reiten / Vaquero Horsemanship - Blog

FEINE HILFEN AUSGABE 28

Ein Gefühl, als wäre man der König der Welt

Vorspann

In den Arbeitsreitweisen werden hauptsächlich Schritt und Galopp geritten. Also ist der Schritt eine von zwei wichtigen Grundgangarten. Dass bei Alex Zell auch getrabt wird wissen wir zwar- wie erarbeitet er aber als Trainer für altkalifornisches Westernreiten einen guten Schritt und was versteht er eigentlich darunter? Feine Hilfen- Autorin Agnes Trosse stellte ihm dazu Fragen und erhielt spannende antworten.

Interview

FEINE HILFEN: Woran erkenne ich einen guten Schritt?

Alex Zell:

So lange wir von der Grundgangart und nicht vom geschulten Schritte sprechen, ist mir vor allen Dingen wichtig, dass das Pferd losgelassen ist. Dies zeigt sich vor allem durch eine von hinten nach vorne dreidimensional durch die Wirbelsäule schwingende Bewegung mit einem regelmässigen Kopf-Hals Pendel, sowie einem lockeren Ohrenspiel nach vorne oben.

FEINE HILFEN: Wie wichtig ist die Nickbewegung im Schritt und was zeigt sie an?

Alex Zell:

Je nach Gangart beschreibt die Halswirbelsäule eines Pferdes als Teil der Wirbelsäule vertikale und/oder horizontale Schwingungen. Im Schritt hat dies die Nick- und Pendelbewegungen des Kopfes zur Folge, welche durch die Hand nicht blockiert werden dürfen, Die Nickbewegung des Pferdes dient dazu sich auszubalancieren, Schwung zu holen (damit die Vorhand zu entlasten) und zeigt die Durchgängigkeit der im Hinterfuss aufgebauten Energie über die Wirbelsäule mit Nacken- und Rückenband, die daran ansetzenden muskulären und faszialen Strukturen und über die gesamte Wirbelreihe an. Im Rahmen der Ausbildung wird sie, mit vermehrter Lastaufnahme der Hinterhand und Beugung der grossen Gelenke weniger, bleibt aber immer erhalten. Das Pferd holt die Kraft mehr und mehr aus der Hinterhand, statt mit dem Hals Schwung holen zu müssen.

Ausserdem sollte natürlich ein klarer Viertakt im räumlichen und zeitlichen Gleichmass, also Takt, erkennbar sein und das Pferd sollte ein adäquates Tempo mit Raumgewinn erkennen lassen.

FEINE HILFEN: Wie mache ich den Schritt fleissiger?

Alex Zell:

Um den Schritt fleissig zu machen muss ich dem Pferd den Sinn vermitteln Schritt zu gehen.

Dies geht natürlich am einfachsten, wenn man gemeinsam eine Strecke bewältigt und nicht nur im Kreis geht - also im Gelände oder auch hinter dem Rind her. Sehr gut sind auch Ausritte mit schnelleren Pferden, durch den Herdentrieb passen sich die langsamen meist gut an und wollen nicht zurück bleiben.

Natürlich ist es enorm wichtig, die Bewegung durch zu lassen und das Pferd nicht unnötig zu stören- sprich in der Balance zu arbeiten. Der treibende Impuls sollte selbstverständlich nur auf das abfussende Hinterbein erfolgen, entweder wechselseitig oder eben einseitig im Takt des jeweiligen Hinterbeins. Auch die Atmung des Reiters ist sehr wichtig: viele Reiter atmen schlicht nicht, obwohl eine ruhige lange Atmung enorm hilft. Genau wie der Fokus des Reiters. Weiß der, wohin er reiten möchte, nimmt er das Pferd automatisch mit seiner Energie mit.

Am wichtigsten aber ist wirklich Abwechslung im Training. Ein intelligentes Pferd stellt spätestens beim dritten Zirkel den Sinn dieser Aufgabe in Frage.

FEINE HILFEN: Wie erarbeite ich Tempovarianten im Schritt und ist das eigentlich sinnvoll?

Alex Zell:

Tempovarianten sollten meiner Meinung nach mit dem Versammlungsgrad des Pferdes einhergehen und sind selbstverständlich sinnvoll. Das heisst, je langsamer das Tempo, umso mehr Energie sollte der Schritt beinhalten und umso höher sollte der Grad der Versammlung sein. Je mehr Tempo der Schritt hat, umso mehr Schub hat er und damit weniger Versammlung. Schrittrennen, unebenes Gelände oder Stangenarbeit sind weitere Varianten mit denen man das Pferd kreativ im Schritt arbeiten kann und in denen sie das Tempo individuell und sinnvoll anpassen müssen.

FEINE HILFEN: Wieviel Schrittarbeit sollte ich in der täglichen Arbeit einbauen? Und ist er für Sie die Grundlage für alles weitere oder meinen Sie, dass bei ausschließlicher Arbeit im Schritt der Schwung verloren geht?

Alex Zell:

Das kommt absolut auf das Pferd an. Jedes ist individuell und braucht ein abgestimmtes und angepasstes Training. In welcher Gangart löst es sich, ist es eher eine Energiesparer oder ein Feuerstuhl, braucht es Kondition oder Kraft, muss ich in der Beweglichkeit arbeiten, oder ist es hypermobil? das sind nur einige Punkte, die es zu beachten gilt.

Ich mag den Schritt, da er eine sehr balancierte Gangart ist, eine feine Kommunikation ermöglicht und eine sehr detaillierte Arbeit am Pferd und auch an sich selbst ermöglicht um beispielsweise die gemeinsame Balance zu suchen. Ich mag aber auch die schnelleren, schwungvolleren Gangarten sehr gerne, speziell den Galopp, der sich natürlich wiederum hervorragend im Schritt aufbauen und verbessern lässt.

FEINE HILFEN: Warum und Wie lässt sich der Galopp im Schritt hervorragend aufbauen?

Alex Zell:

Er ist von den Bewegungsabläufen, beziehungsweise seinem Schwung nach, dem Schritt näher als der Trab. Der Schritt bietet die Möglichkeit, sich auf jedes Bein ganz genau zu konzentrieren und die entsprechende Energie für den Galopp aufzubauen, so dass das Pferd quasi nur ins Angaloppieren entlassen wird – ein sehr gutes Gefühl für Pferd und Reiter. Aus dem Trab beispielsweise neigen viel Pferde dazu in den Galopp zu rennen und es ist ungleich schwieriger den Zweitakt in einen guten Dreitakt zu verschieben als den Viertakt. Der Reiter hat mehr Zeit, die korrekten Momente zu fühlen und zu nutzen um die entsprechenden Beine anzusprechen.

Wenn man zu akribisch an den Grundlagen im Schritt arbeitet, blockiert man sich meiner Meinung nach oft selbst durch die erstrebte Perfektion. Gerade ein dynamisches Pferd frustriert man auch sehr schnell, wenn man nicht zwischendurch auch mal höhere Gangarten und Tempi reitet, auch wenn die Grundlagen hierfür vielleicht noch nicht perfekt sind und ein ruhiges Pferd braucht die Abwechslung des Tempos und der Gangarten sowieso. Ich mache mir dabei weniger Sorgen um den Verlust des Schwungs, als vielmehr um den Verlust des Esprits, der Motivation und der Freude des Pferdes.

FEINE HILFEN:  Weshalb geht das Pferd gerade im Schritt häufig schlechter, je mehr der Reiter „will"?

Alex Zell:

Je mehr der Reiter möchte, umso mehr neigt er dazu, selbst fest und steif zu werden und dadurch die Bewegung des Pferdes zu blockieren - ein Teufelskreis. Allgemein fokussieren sich viele Reiter viel zu stark auf eine Verstärkung der Hilfen, statt einfach mal weniger zu machen. Gerade in dieser Gangart, in der das Pferd sehr stabil ist, kann man seine Bewegungen schnell blockieren. Statt mehr zu machen hilft es oft, weniger zu tun und bewusst die Bewegung des Pferds zu spüren, sich tragen zu lassen und an der eigenen Losgelassenheit zu arbeiten.

FEINE HILFEN: Haben Sie Tipps für unsere Leser wie sie diese eigene Losgelassenheit finden können und dadurch den Schritt verbessern?

Alex Zell:

Man sollte versuchen, sich ganz bewusst von den Bewegungen des Pferdes mitnehmen zu lassen und treibende Hilfen, wenn nötig, im Fluss und Takt der Pferdebewegung einzusetzen, bzw. zuzulassen . Ist der Reiter locker in der Hüfte sowie in Knie- und Fussgelenken, pendelt das Bein sowieso im richtigen Rhythmus ans Pferd.

Hilfreich kann es auch sein, einfach mal die Augen zu schliessen und/oder sich an der Longe auf den eigenen Sitz zu konzentrieren. Schrittreiten kommt dem Gehen des Menschen von der Bewegung her sehr nahe - bereits schon beim Führen kann man lernen, denselben Takt zu gehen wie die Hinterbeine des Pferdes (natürlich ohne zu schauen).

Zur Findung der eigenen Losgelassenheit ist natürlich eine ruhige und lange Atmung unumgänglich, weiterhin können innere Bilder hilfreich sein, beziehungsweise jede Art von sinnvoller Sitzschulung angepasst an die Biomechanik des Pferdes und den Lerntyp des Reiters. Gelegentlich nutze ich auch kleine Bälle für einige Minuten unter den Sitzbeinhöckern, in den Armbeugen oder am Knie. Diese Hilfestellung habe ich von einem Kurs mit Amanda Barton mitgenommen, der sicherlich 15 Jahre zurück liegt.

FEINE HILFEN: Wie sollte die Atmung des Reiters sein, um dem Pferd im Schritt zu helfen?

Alex Zell:

Die Atmung des Reiters sollte ruhig und lang sein. Es hilft sehr , im Takt zu atmen, also beispielsweise sechs Schritte einatmen, acht Schritte ausatmen. Die Zeitspanne des Ausatmens  ist die der grössten Kraftentfaltung bei gleichzeitiger Losgelassenheit, weshalb diese Sequenz auch stets länger als die Zeitspanne des Einatmens sein sollte. Welche Intervalle der jeweilig Reiter für sich wählt ist ganz individuell und kann mit der Zeit erarbeitet werden, Ziel ist eine lange und ruhige, aber kraftvolle Atmung, genau wie auch ein ruhiger, schreitender und kraftvoller Schritt das Ziel ist.

FEINE HILFEN: Was ist Dir bei der Schrittarbeit besonders wichtig? Worauf legst Du besonders großen Wert? Und was sollte der Reiter für die Arbeit im Schritt berücksichtigen und wissen?

Alex Zell:

Ich mag einen fleissigen Schritt, der mit einer positiven Energie und einem Raumgewinn einhergeht. Das Pferd sollte freudig vorwärts gehen und den Eindruck vermitteln, dass es weiss warum es geht und wohin es geht. Erst wenn ich diese Energie im „Vorwärts“ habe, kann ich das Pferd mehr und mehr im Schritt versammeln und hierbei die Energie erhalten, bzw. vielleicht sogar noch erhöhen, während ich das Tempo reduziere (Schulschritt).

Auch lässt sich im Schritt sehr gut sehen, wie korrekt sich das Pferd bewegt. Reiterliche Fehler zeigen sich sehr schnell, z.B. durch Lateralität und können daher auch gut korrigiert werden.

FEINE HILFEN: Was gibt es für Möglichkeiten einer Passtendenz im Schritt entgegen zu wirken?

Alex Zell:

Passverschiebungen im Schritt sind meist durch starke Zügeleinwirkung und/oder einen fehlerhaften Sitz begründet. Ein in der Hüfte nicht, oder sogar gegenseitig zur Brustkorbrotation des Pferdes schwingender Reiter veranlasst ein Pferd sehr schnell dazu den Schritt in Richtung Pass zu verschieben, da er den Schwung blockiert. Das Pferd wird zum sogenannten „Schenkelgänger“.

Die Korrektur besteht darin, das Pferd zuerst einmal vorwärts gehen zu lassen, ohne es durch beidseitige Zügeleinwirkung zu blockieren, sowie seinen Rückenschwung durchzulassen. In Verbindung mit den Seitengängen, im speziellen Schulterherein auf geraden und gebogenen Linien kann man diese fehlerhafte Gangart gut wieder korrigieren. Das Pferd muss lernen, wieder loszulassen und den Rücken in der Bewegung mit einzusetzen, beziehungsweise den Schwung durchzulassen und sich über die Hinterhand zu tragen, statt sich auf die Vorhand zu stützen und die Gelenke der Hinterhand fest zu machen.

Ein versammelter Schritt schliesslich fühlt sich an als wäre man der König der Welt und das Pferd lässt sich mit minimaler Einwirkung in jede Richtung, jedes Tempo und jede Gangart dirigieren.

Ein geradegerichteter und versammelter Schritt in Losgelassenheit und positiver Energie ist wohl die hohe Kunst der Reiterei, das wird oft vergessen!

FEINE HILFEN: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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"I met Alex and Nina back in 2004. They also participated in one of my courses in Mexico. There I noticed their passion for horsemanship and their great respect and feel for horses and humans. Since then our paths crossed many times; it is always a pleasure to meet them again. Both Alex and Nina are on a constant look out to keep learning. Nina visited us in Texas in the fall of 2012. Their knowledge is profound and they also enjoy to share it."

DVM. Alfonso Aguilar

"I would like to take a minute to recommend Alex Zell as a horseman in Germany who has dedicated himself to studying the horsemanship traditions of old California. I have worked with Alex and his wife Nina for several years now and they are both accomplished riders who keep the health and welfare of the horses foremost in their train program. I have not only had Alex as a student but have gotten to watch him teach and have been very pleased with how he explains things to students. He is also continually studying and learning and then passing that information on to others. Alex is one of the very few teachers in Europe who really understand not only the training philosophy of California horsemanship but also the culture that was so critical to the development of the California bridle horse."

Jeff Sanders

Danke euch beiden. Alex ich habe es auch gerade Jeff gesagt, dadurch das wir uns nicht abgesprochen haben und jeder so viel gebündeltes Wissen hervorgebracht hat, hat sich mein Horizont wieder extrem erweitert! Danke Danke Danke.

Wolfgang Krischke, Hofreitmeister der Fürstlichen Hofreitschule, auf facebook nach dem Seminar in Bückeburg

Für Nina & Alex
Mit Dank für die Anweisungen der Bosalanwendung.

Bent Branderup - Widmung in seinem Buch, welches er uns nach unserem Besuch geschenkt hat

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